Der sechste Kondratieff
Der sechste Kondratieff –
der neue, lange Konjunkturzyklus der Weltwirtschaft
© Leo A. Nefiodow
D-53757 Sankt Augustin
www.nefiodow.de
Kondratieffzyklen sind lange Wellen der Konjunktur. Mit der weltweiten Rezession der Jahre 2001-2003 ist der letzte, der fünfte Kondratieffzyklus,
der von der Informationstechnik getragen wurde, zu Ende gegangen. Parallel dazu hat ein neuer Langzyklus, der sechste Kondratieff, begonnen. Er
wird vom Bedarf nach ganzheitlicher Gesundheit angetrieben und wird den Ländern, die diesen Langzyklus führend beherrschen, für ein halbes
Jahrhundert Prosperität und Vollbeschäftigung bringen.
Einleitung
In der Marktwirtschaft gibt es keinen gleichförmigen Verlauf, vielmehr wechseln Aufschwung und Abschwung, Konjunktur und Rezession einander
regelmäßig ab. Die kurzen Wirtschaftszyklen mit einer Dauer von ca. drei Jahren werden Kitchinzyklen genannt, die mittleren mit einer Dauer
von 7-11 Jahren heißen Juglarzyklen. Die weltweite Rezession im Zeitraum 2008-2009 z.B. war der Abschwung des Juglarzyklus, der nach der
Rezession von 2001 begann. In der Marktwirtschaft treten aber auch lange Schwankungen mit einer Periode von 40-60 Jahren auf. Nach ihrem
Entdecker Nikolai Kondratieff werden sie Kondratieffzyklen genannt. Auslöser dieser langen Wellen sind Basisinnovationen (Abb. 1).
Kondratieffzyklen, ihre Basisinnovationen und wichtigsten Anwendungsfelder
Quelle: Leo A. Nefiodow: Der sechste Kondratieff. Wege zur
Produktivität und Vollbeschäftigung im Zeitalter der Information. Sankt
Augustin, 2006
Basisinnovationen verändern die Gesellschaft grundlegend
Basisinnovationen sind bahn brechende Erfindungen, die durch vier Merkmale charakterisiert sind: Sie bestimmen die Hauptrichtung des
Innovationsgeschehens über mehrere Jahrzehnte; sie bringen einen neuen Markt mit Millionen neuer Arbeitsplätze hervor und prägen maßgeblich
das weltweite Wirtschaftswachstum; sie haben einen Lebenszyklus von 40-60 Jahren und sie führen zu weit reichenden gesellschaftlichen Veränderungen.
Basisinnovationen des vierten Kondratieffs waren Mineralölwirtschaft und Automobilindustrie. In diesem Langzyklus waren sie die größten
Investoren in Forschung, Entwicklung und Produktion. Um sie herum entstand ein umgreifendes Netz von Zulieferern, Kunden und Nutzern, die
dem Langzyklus eine Leitfunktion für die gesamte Wirtschaft verschafften: Stahlhersteller und Reifenproduzenten, Brücken-, Autobahn- und
Straßenbaufirmen, Raffinerien und Pipelinehersteller sowie Tausende von kleinen und mittleren Lieferanten von Metal-, Elektro-, Elektronik-
und Kunststoffteilen.
Auch der Dienstleistungssektor profitierte von Auto und Petrochemie (Banken, Versicherungen, Handel, Tankstellen, Transportunternehmen,
Speditionen, Automobilclubs, Tourismus).
Neue Berufe und ein neues Rechtssystem, das Verkehrsrecht, wurden geschaffen und ihnen verdanken weitere Millionen von Menschen ihren
Arbeitsplatz: Kfz-Mechaniker, Lkw-, Bus- und Taxifahrer, Kfz-Sachverständige, Fahrschullehrer, Verkehrspolizisten, Ingenieure, Wissenschaftler,
Rechtsanwälte und Richter. In den Ländern, in denen die Automobil- und Petrochemie florierte, entstand Vollbeschäftigung. Jeder fünfte
Arbeitsplatz z.B. in den USA wurde direkt oder indirekt vom Automobil abhängig.
Basisinnovationen verändern die Gesellschaft grundlegend. Vergleichbar umfassende Auswirkungen sind z.B. von der Nanotechnologie nicht
zu erwarten. Sie ist zwar eine wichtige Erfindung, aber keine Basisinnovation. Das Umsatzvolumen, das diese Technologie direkt erreichen
kann ist viel zu klein und ihre Auswirkungen zu begrenzt, um das weltweite Wirtschaftswachstum oder den gesellschaftlichen Wandel maßgeblich
zu bestimmen.
Die bisherigen Kondratieffzyklen
Seit dem späten 18. Jahrhundert konnten fünf Kondratieffzyklen empirisch nachgewiesen werden. Der erste Langzyklus wurde durch die Erfindung
der Dampfmaschine und grundlegende Innovationen in der Textilindustrie ausgelöst (Schnellschützen-Handwebstuhl, Mule-Spinnmaschine, Spinning-Jenny).
Eisenbahn und Stahl führen die Wirtschaft in den zweiten Kondratieff. Mit der führenden Stel-lung in Dampfkraft und Stahl übernimmt Großbritannien
die Führungsrolle in den ersten beiden Kondratieffzyklen. Auf dem Höhepunkt des zweiten Langzyklus liefert der Inselstaat fast ein Viertel der
Weltproduktion.
Der dritte Kondratieff war der erste Langzyklus, der von der praktischen Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse getragen wurde. Die Entdeckung
des Elektrodynamo-Prinzip durch Werner von Siemens erlaubte die Umwandlung mechanischer Energie in elektrische und die Erkenntnisse des Aufbaus der
Materie durch die Quantenmechanik schuf das Wissen, das man benötigte, um Stoffe manipulieren zu können – die Grundlage der modernen Chemie. Auf
beiden Gebieten waren die deutsche und amerikanische Industrie besonders erfolgreich.
Der dritte Kondratieff geht mit der Weltwirtschaftskrise der frühen 1930er Jahre zu Ende. Die Überwindung dieser Krise wird oft mit der Politik
der Nationalsozialisten begründet. Das ist nicht richtig. Der dritte Kondratieff war ein weltweites Phänomen, er wäre auch ohne Hitler gekommen.
Die Träger des vierten Kondratieffs, Automobil und Petrochemie, waren in den 1930er Jahren reif für einen Aufschwung.
Der vierte Kondratieff markiert den Höhepunkt der Industriegesellschaft. Er bringt den Massenverkehr auf der Straße und in der Luft und eine
weitere Ausbreitung von Massenproduktion und Massenvermarktungstechniken. Im vierten Kondratieff bauen die USA ihre Rolle als Weltmacht aus,
die Sowjetunion steigt zur zweiten Weltmacht auf. Der vierte Kondratieff ging mit den massiven Ölpreiserhöhungen der OPEC in den späten 1970er
Jahren zu Ende.
In den frühen 1950er Jahren begann der fünfte Kondratieff. Seine Antriebsenergie kam aus der Entwicklung und Verwertung der computerbasierten
Informationstechnik. Mit dem fünften Kondratieff ging die Industrie-Gesellschaft in die Informations-Gesellschaft über. Wirtschaftswachstum
definiert sich seither vor allem als Wachstum des Informationssektors. Mit ständig zunehmender Geschwindigkeit durchdrang die Informationstechnik
alle Bereiche der Gesellschaft und verwandelte die Welt informationell in ein Dorf.
Nachdem der größte Teil des Nutzungspotentials des fünften Kondratieffzyklus zur Jahrhundertwende erschlossen war, nähert sich dieser Langzyklus
seinem Ende. Parallel zum Auslauf des fünften hat der sechste Kondratieffzyklus begonnen. Eine empirische Analyse zeigt, dass Gesundheit in
ganzheitlichen Sinn der Träger des neuen Langzyklus sein wird.
Der sechste Kondratieff
Auf den ersten Blick mag diese Prognose überraschen. Können die Ausgaben für Gesund-heit, die betriebswirtschaftlich ja als bloße Kosten, als
etwas Negatives eingestuft werden und die man möglichst vermeiden will, in Zukunft die Rolle einer Lokomotive für Wachstum und Beschäftigung
übernehmen?
Um diese Prognose nachvollziehen zu können, muss an die Ergebnisse der modernen Wachstumstheorie erinnert werden. Die wichtigsten Quellen für
Wirtschaftswachstum sind nur vordergründig Maschinen, Kapital oder Arbeitsplätze. Die eigentlichen Quellen für Wirtschaftswachstum sind
Produktivitätsfortschritte. Der 6. Kondratieff wird von einer verbesserten Produktivität im Umgang mit Gesundheit und Krankheit getragen
werden.
In Deutschland erreichten die Gesundheitsausgaben in 2008 ein Volumen von ca. 300 Mrd. Euro, etwa 11 Prozent des BIP (einschließlich
gesundheitsbezogener Einkommensleistungen wie Krankengeld, Entgeltfortzahlungen und Erwerbsunfähigkeitsrenten). Das ergibt eine Pro-Kopf-Ausgabe
von ca. 3.600 Euro im Jahr. In den USA flossen in 2009 etwa 2.500 Milliarden US-Dollar in den Gesundheitssektor – das sind 17,6 Prozent des
Bruttoinlands¬produktes, 2018 sollen es mehr als 20 Prozent sein (1965 lag der Anteil noch bei 5,9 Prozent). Pro Kopf gibt ein Durchschnittsamerikaner
inzwischen mehr als 8.000 Dollar im Jahr für Gesundheit aus. Der größte Ausgabenposten in seinem Leben ist inzwischen nicht mehr das Wohnen,
sondern seine Gesundheit.
Ein wichtiger Indikator zur Beurteilung eines Kondratieffzyklus ist das Arbeitsvolumen, das er erzeugt. Die Gesundheitsbranche war im Jahre 2008
in Deutschland mit 4,4 Millionen Beschäftigten der größte Branchen-Arbeitgeber, ebenso in den USA (ca. 20 Millionen Beschäf-tigte). Zwischen
März 2001 und Mai 2009 sind in den USA mehr als 50 Prozent aller neuen Arbeitsplätze des privaten Sektors im Gesundheitswesen entstanden. In
den entwickelten Ländern gibt es keinen zweiten Bereich, in dem ohne staatliche Subventionen so viele neue Arbeitsplätze entstehen können.
Wenn vom Gesundheitswesen die Rede ist, dann ist normalerweise der schulmedizinisch geprägte herkömmliche Gesundheitssektor gemeint (Abb. 2).
Er hat im Jahre 2009 weltweit ein Volumen von ca. 10.000 Mrd. US-Dollar erreicht.
In der Vergangenheit wurden im herkömmlichen Gesundheitswesen große Fortschritte erzielt. Viele Krankheiten, die früher als unheilbar galten
und tödlich verliefen, können geheilt werden. Zahllose Medikamente wurden entwickelt, um Beschwerden und Krankheiten zu mildern. Die Geschichte
der Medizin in den letzten Jahrhunderten war eine Erfolgsstory.
Aber diese Erfolgsstory droht zu Ende zu gehen. Seit dem späten 20. Jahrhundert reichen die erzielten medizinischen Fortschritte nicht mehr aus,
um die Dynamik und die Komplexität des modernen Lebens mit seinen hohen Anforderungen an die körperlichen, seelischen und geistigen Kräfte
angemessen zu bewältigen. Die Menschen werden früher krank, häufiger krank und müssen immer länger medizinisch betreut werden. Die Zahl der
Diabetiker z.B. ist stetig angestiegen und soll sich in Deutschland in den nächsten zwanzig Jahren verdoppeln. Jeder dritte Deutsche über 40
leidet an verstopften Blutgefäßen. Die Zahl der Krebsneuerkrankungen nimmt in Deutschland seit Jahrzehnten stetig zu und soll bis zum Jahr
2020 um weitere 20 Prozent ansteigen. Eine halbe Million Menschen in Deutschland sind auf Grund einer sozialen Phobie und aus Angst zu versagen
alkoholkrank. Gesundheit hat sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu einem akuten Bedarfsfeld entwickelt – ein entscheidender Frühindikator zur
Identifizierung eines Kondratieffzyklus.
Das herkömmliche Gesundheitswesen
- Medizintechnik, Pharmaindustrie, Ernährungsindustrie
- Krankendienste
Ärzte, Heilpraktiker, Krankenhäuser, Krankenkassen, Krankenversicherungen, Apotheken, Kurbetriebe, öffentliche Gesundheitsdienste,
Pflegeeinrichtungen
- Betriebsinterne Gesundheitsdienste
Gesundheit als Wettbewerbsfaktor, Aus- und Weiterbildung (z.B. in sozialer Kompetenz), Personalentwicklung, Gesundheitsmanagement
- Sonstiges (gesundheitsorientiert)
Handwerker (z.B. orthopädische Produkte), Sportartikel und -anlagen, Fitnessstudios, Verlage mit Spezialsortiment, Spezial-Software
Der neu aufkommende Gesundheitssektor
- Biotechnologie
- Umweltschutz (überwiegend)
- Naturheilverfahren, Naturwaren, Naturkost
- Komplementäre/alternative Medizin
- Wellness/Fitness, Gesundheits-Tourismus
- Sinne (Farbe, Geruch, Musik), Architektur (innen, außen), Baustoffe, Materialien, Textilien, Bekleidung
- Eigenmedikation und Eigenbehandlung
- Betriebliches Gesundheitsmanagement
- Psychologie, Psychosomatik, Psychiatrie, Psychotherapie
- Religion/Spiritualität
Abb. 2: Die frühe Phase des sechsten Kondratieffs
Ganzheitlich betrachtet wird mit dem Begriff Gesundheit ein breites Spektrum von Teilgebieten angesprochen. Neben dem schulmedizinisch geprägten
herkömmlichen Gesundheitswesen hat sich ein zweiter Gesundheitssektor etabliert (Abb. 2), der sich durch hohe Innovationstätigkeit auszeichnet
und aus dem bisher die wichtigsten Impulse für den 6. Kondratieff ausgegangen sind.
Der herkömmliche Gesundheitssektor ist ein wesentlicher Teil des 6. Kondratieffs, aber nicht seine Basisinnovation. Sein Leistungsspektrum ist zu
eng auf die biochemische und physische Behandlung körperlicher Krankheiten ausgerichtet, seine Produktivität ist zu niedrig und er ist durch viele
ungelöste Strukturprobleme belastet. Das herkömmliche Gesundheitswesen ist im Grunde kein Gesundheitswesen, es wird nur so genannt. Mehr als
98 Prozent der Finanzmittel werden für die Erforschung, Diagnose, Therapie und Verwaltung von Krankheiten ausgegeben. Es ist de facto ein
Krankheitswesen. In den meisten Fällen werden lediglich Symptome behandelt, und die Therapien, die eingesetzt werden, sind keinesfalls harmlos.
Die vorschriftsmäßige Einnahme von Pharmaprodukten z.B. ist die vierthäufigste Todesursache in den USA.
Zwei Basisinnovationen tragen den 6. Kondratieff
Hauptträger des 6. Kondratieffs sind psychosoziale Gesundheit und Biotechnologie. Mit der Biotechnologie kann das riesige Innovationspotenzial
der Gene in Umwelt- und Naturschutz, Ernährung, Medizintechnik, Therapien, Medikamenten, Landwirtschaft, Energieerzeugung, neue Werkstoffe,
biologische Informationsverarbeitung usw. erschlossen werden. Im Jahre 2008 erreichte die Branche weltweit einen Umsatz von mehr 100 Mrd.
US-Dollar. Wachstumsgrenzen für die nächsten Jahrzehnte sind nicht erkennbar.
Die zweite Basisinnovation ist die psychosoziale Gesundheit. In diesem Bereich schlummern noch größere Produktivitätsreserven. Addiert man alle
Schäden, Kosten und Verluste, die weltweit durch Unordnung und Destruktivität entstehen – Diebstahl, Betrug, Drogen, Gewalt, Korruption,
Menschenhandel, Umweltzerstörung, Energievergeudung, militärische Einsätze, Ausgaben für innere und private Sicherheit, Terrorismus usw.–,
dann erhält man einen Betrag von ca. 14.000 Milliarden US-Dollar (Abb. 3).
- Gewalt, Kriminalität, Drogen
Kriminalität verursacht Schäden weltweit von mehr als 1.400 Mrd. US-$ p.a. In Deutschland wird 200.000 Mal im Jahr eingebrochen. Jeder fünfte
männliche US-Amerikaner im erwerbsfähigen Alter ist kriminell. Zehn Prozent des Welthandels sind Plagiate. Drogen: mehr als 800 Mrd. US-$ Umsatz
p.a. Schmiergelder und Korruption verursachen ca. 5 Prozent der Wirtschaftskosten (weltweit etwa 3.500 Mrd. US-$). Alkohol: mehr als 800 Mrd.
US-$ Umsatz p.a. Der Schaden durch Alkohol ist höher als der Alkoholumsatz.
- Umweltzerstörung und Energieverschwendung
Umwelt: jährliche Zerstörung entspricht ca. 10% des Weltsozialprodukts (ca. 7.000 Mrd. US-$ p.a.). Jährliche Rohstoff- und Energievergeudung
weltweit ca. 3.000 Mrd. US-$.
- Ausgaben für Militär, innere und private Sicherheit, Terrorismus
Militärausgaben: mehr als 1.000 Mrd. US-$ p.a. Kosten der inneren Sicherheit: 1.500 Mrd. US-$ p.a. (Polizei, Gefängnisse, Gerichte,
Sicherheitsanlagen, Waffen u.ä.). Geheimdienste kosten weltweit mehr als 100 Mrd. US-$ p.a. Kosten der (Bürger-)Kriege: 2. Weltkrieg (4.000 Mrd. $),
Korea Krieg (340 Mrd. $), Vietnam Krieg (720 Mrd. $), Golfkrieg (102 Mrd. $), Iran-Irak-Krieg (150 Mrd. $), Jugo¬slawien (?), Tschetschenien (?),
Nordirland (?), Afghanistan (?), Irak (?), Libanon (?), Angola (?), Ruanda (?), Somalia (?).
- Soziale Kosten (Streiks, Arbeitslosigkeit)
Streiks: weltweit mehrere Millionen Streiktage p.a. Kosten der Arbeitslosigkeit: 300-500 Mrd. US-$ p.a. in den Industrieländern. Gewalt und
Zerfall der Familien: In den USA wird jede zweite Ehe geschieden, in Deutschland mehr als jede dritte, in Österreich jede zweite. Gewalt und
Streit in Schulen und Nachbarschaft.
- Strukturbedingte Krankheitsursachen und Verwerfungen
Unzureichende Gesundheitskompetenz, zu niedrige Produktivität, ungesunder Lebensstil. Informationsdefizite. Mensch auf Biomaschine reduziert.
Unzureichender Leistungswettbewerb, starke Partikularinteressen, unzureichende Prävention. Falsche Anreize: zu starke finanzielle
Abhängigkeit der Leistungserbringer von einer ausreichenden Zahl von Kranken und Krankheiten. Vernachlässigung sozialer, seelischer, geistiger
und spiritueller Faktoren (mindestens 30 % der Patienten, die einen praktischen Arzt aufsuchen, leiden vorwiegend an seelischen Störungen.
Angst verursacht weltweit jährliche Schäden von etwa 2.000 Mrd. Euro, Mobbing/Bossing von ca. 100 Mrd. US-$.). Krankheitskosten verursacht
durch schlechte Wasserqualität, Schlafstörungen, Luftverunreinigungen, Lärm, Rauchen (ca. 4 Millionen Tote jährlich), Medikamentenmissbrauch
= unbekannt, aber erheblich.
Abb. 3: Der weltweite entropische Sektor
Diese riesigen Verluste, Schäden und Kosten können als entropischen Sektor bezeichnet werden . Sie gehören zum ganzheitlichen Gesundheitswesen,
weil sie die Folgen von seelischen, sozialen und spirituellen Störungen und Erkrankungen sind. Ein sozial gesunder Mensch hat Gemeinschaftsgefühl
und raubt keine fremden Wohnungen aus. Ein seelisch gesunder Mensch ist nicht käuflich, er geht verantwortlich mit der Natur um und tritt für das
Wohlergehen aller Menschen ein. Ein spirituell gesunder Mensch hat eine geordnete und vertrauensvolle Beziehung zu Gott, strebt nach Versöhnung
und Frieden und verbreitet weder Hass noch Gewalt.
Gesundheit ist mehr als Schulmedizin. Außer Biotechnologie, psychosoziale Disziplinen und eine gesunde Spiritualität besitzen auch Naturheilverfahren,
alternative und komplementäre Medizin das Potenzial für deutliche Produktivitätsverbesserungen. Durch ihre Integration mit dem herkömmlichen
Gesundheitssektor wird es zukünftig möglich sein, die problematischen Angebote auszusortieren, die Produktivität im gesamten Gesundheitswesen zu
verbessern und die dadurch frei werdenden Ressourcen zur Vermeidung und Heilung von Krankheiten einzusetzen. Voraussetzung dazu aber ist, dass
ein „Gesundheits-TÜV“ die neuen Angebote prüft und die seriösen von den unseriösen und gefährlichen abgrenzt.
Gesundheit ist mehr als Schmerzfreiheit und Wohlgefühl. Gesundheit ist Kraft, Arbeitslust, Freude an Zusammenarbeit und Leistung. Gesundheit ist
die Voraussetzung für intakte Familien, gute Nachbarschaft und belastbare Moral.
Die Seele ist der Träger der inneren Gesundheit. Die wichtigste Ursache für die weltweite Unordnung und Destruktivität sind innere Störungen und
Krankheiten. Was einen Menschen innerlich krank macht sind Demütigungen, Beleidigungen, die Verweigerung von Respekt und Wohlwollen. Kurzum: Was
einen Menschen innerlich krank macht ist verweigerte Nächstenliebe.
In den USA wurden in der Nachkriegszeit mehr als 700 wissenschaftliche Studien zum Zusammenhang zwischen Religion und Gesundheit durchgeführt.
Dabei zeigte sich, dass eine gesunde christliche Spiritualität die wichtigste Quelle für seelische Gesundheit und seelische Gesundheit die
wichtigste Quelle für soziale Gesundheit ist. In mehr als 70 Prozent der Untersuchungen wurde eine positive Korrelation zwischen christlichem
Glauben und Gesundheit festgestellt. Will man Unordnung, Krankheiten und Destruktivität in der Welt wirksam reduzieren, dann muss man beim
Inneren des Menschen, bei den positiven Kräften der Seele ansetzen.
Addiert man nun alle Verluste und Kosten, die sowohl von psychosozialen wie auch von körperlichen Krankheiten pro Jahr verursacht werden, dann
erhält man einen Betrag von 24.000 Milliarden US-Dollar. Das entspricht einem Drittel des Weltsozialproduktes. Wirtschaftlich betrachtet stellen
Krankheiten die größte Produktivitäts- und Wachstumsreserve der Welt dar. 15 Prozent weniger Krankheiten würden genügend Produktivitätsreserven
freisetzen, um den 6. Kondratieff in eine Lokomotive für Wachstum und Beschäftigung zu verwandeln.
Den 6. Kondratieff systematisch gestalten
Und es ist auch an der Zeit, dass dieses Ziel bewusst angegangen wird, denn die allermeisten Probleme der Welt kommen vom Menschen. Es sind
Menschen, die Kriege planen und durchführen, inhumane Ideologien wie Rassismus, Nationalsozialismus oder Kommunismus erfinden und umsetzen. Alle
Formen der Kriminalität kommen von Menschen, ebenso alle Störungen und Belastungen menschlicher Beziehungen und die gefährlichste Bedrohung der
Umwelt.
Aber Menschen haben auch das Potenzial zu überragendem sozialem und ökologischem Engagement, zu selbstlosem Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit
und Wahrheit. Die Politik sollte dazu übergehen den 6. Kondratieff und sein Potenzial langfristig zu gestalten. Im Gesundheitssektor schlummern
die größten Produktivitätsreserven, eine konsequente Erschließung dieser Reserven durch die Weiterentwicklung der heutigen Medizin in Richtung
einer ganzheitlichen Heilkunde ist eine Forderung der Zeit. Das mittelfristige Ziel könnte lauten, die Produktivität im Umgang mit Gesundheit
und Krankheit bis 2020 um 20 Prozent, also um zwei Prozent pro Jahr zu erhöhen und die dadurch frei werdenden Ressourcen für Qualitätsverbesserungen
zu verwenden. Die Länder und Regionen, die den aufkommenden Gesundheitszyklus führend beherrschen, werden – wie auch in den früheren
Kondratieffzyklen – im 21. Jahrhundert zu den Gewinnern gehören.
Exkurs zu den Folgen des sechsten Kondratieffs für die Sozialsysteme
Der 6. Kondratieff wird nicht nur das Gesundheitswesen revolutionieren, mit großer Wahrscheinlichkeit wird er auch das Lebensalter der Menschen
erheblich beeinflussen. Dabei können die Prognosen zur demografischen Entwicklung auch ohne Berücksichtigung der Wirkungen des 6. Kondratieffs als
dramatisch eingestuft werden. Die voraussichtlichen Folgen der demografischen Entwicklung sind in zahlreichen Publikationen ausführlich
beschrieben worden. Danach besteht eine weitgehende Übereinstimmung, dass viele Menschen im Alter in finanzielle Not geraten werden. Als Folge
drohen soziale Unruhen und eine harte Auseinandersetzung zwischen Jung und Alt.
Der 6. Kondratieff wird diese Probleme noch verschärfen, weil durch verbesserte Prävention, intensive Altersforschung (in die Altersforschung wurde
noch nie so viel und so intensiv in-vestiert wie derzeit), verbesserte Aufklärung, neue Antioxidanzien, die Entstehung einer Individualmedizin,
Biotechnologie (Telomeren-Therapie, regenerierbare Therapien) und Nano-technologie das Lebensalter sich noch stärker erhöhen wird als bisher
angenommen.
Das derzeitige Rentenkonzept basiert auf der Annahme, dass durch eine Kombination von gesetzlicher Rentenversicherung, privater Vorsorge und
staatlichen Hilfen die Renten ausreichend gesichert werden können. Diese Annahme ist zu eng auf die Gegenwart bezogen und berücksichtigt nicht,
dass die gesetzliche Rentenversicherung zukünftig keinen signifikanten Beitrag mehr leisten wird, weil das Verhältnis zwischen Rentnern und
Beitragszahlern nicht mehr stimmt und in Zukunft sich ganz dramatisch verändern wird. Das Verhältnis zwischen den 65-Jährigen und 20-64-Jährigen
wird sich z. B. in den USA von 21 Prozent im Jahre 2000 auf 29 Prozent im Jahre 2025 verschieben. Das heißt: Im Jahre 2025 – in fünf-zehn Jahren–
werden 29 Personen über 65 Jahre auf 100 Beschäftigte kommen. In anderen Ländern sind die Verhältnisse noch kritischer: in Frankreich werden
36 Personen auf 100 Beschäftigte kommen, in Italien 41 und in Japan sogar 49. Bei dieser Schätzung ist das Potential des sechsten Kondratieffs,
das Alter zu verlängern, noch nicht enthalten. Der tatsächliche Anteil der über 65-Jährigen dürfte somit 2025 noch höher liegen.
In Deutschland werden im Jahre 2050 zur Altersgruppe der über 64-Jährigen fast genauso viele Menschen gehören (32,8 Millionen) wie zur Altersgruppe
der 20-64-Jährigen (35,5 Millionen).
Die solidarische Altersversorgung ist keine Lösung mehr
Damit ist klar, dass die solidarische Altersversicherung für die Zukunft keine Lösung sein kann, ebenso wenig die private Vorsorge, weil viele
Menschen nicht in der Lage sind, die notwendigen Versicherungen zu bezahlen. Auch der Kapitalmarkt bietet keine sichere Altersversorgung, wie
die weltweite Finanzmarktkrise der Jahre 2008-2010 gezeigt hat. Schließlich ist auch nicht zu erwarten, dass die öffentliche Hand die notwendige
Sicherheit für alle in Zukunft gewährleisten kann. Die öffentlichen Schulden sind riesig und wachsen immer weiter. Nicht wenige Regierungen
standen während der Finanzmarktkrise und in den Jahren danach selbst am Rande des Bankrotts.
Die allermeisten Rentner sind im aktiven Arbeitsprozess nicht mehr beteiligt, sondern sind reine Konsumenten. Ihre Nachfrage ist zwar für die
Stabilisierung der Wirtschaft wichtig, aber es besteht keine zwingende Notwendigkeit, dass diese Nachfrage von den zahlenmäßig schrumpfenden
Arbeitnehmern, von den unter Soziallasten stöhnenden Arbeitgebern und von den hoch verschuldeten Regierungen finanziert wird.
Gibt es eine Möglichkeit, die Renten zukünftig auf ein sicheres Fundament zu stellen?
Der Ausweg: das Notenbank-Modell
Eine solche Möglichkeit gibt es, wenn eine wirklich zuverlässige Geldquelle für die Finanzierung erschlossen wird. Und diese zuverlässige Quelle
ist die Notenbank. Ohne ihre Unabhängigkeit anzutasten sollte ihr die Aufgabe übertragen werden, eine Grundrente zu finanzieren, die alle
Rentner vor materieller Not bewahrt und eine gute medizinische Versorgung gewährleistet. Die Befürchtung, das könnte zur Inflation führen, ist
unbegründet, da die Notenbanken über die Instrumente verfügen, um Geldwertstabilität zu sichern.
Nach dem bewährten und politisch anerkannten Subsidiaritätsprinzip sollte die Regierung keine Aufgaben übernehmen, die von einer anderen Ebene
besser wahrgenommen werden kann. Auf den ersten Blick mag der Vorschlag, der Notenbank einen Teil der Regierungsverantwortung zu übertragen,
fremd erscheinen, aber eine vorurteilsfrei und genauere Betrachtung zeigt, dass dieses Modell eine ganze Reihe gewichtiger Vorteile mit sich
bringt:
- Die Renten werden unabhängig von der demographischen Entwicklung und vom medizinischen Fortschritt. Die Sorgen der Menschen, im Alter
in bedrohliche finanzielle Not zu geraten, wären in diesem Modell unbegründet.
- Die Arbeitsplatzkosten in den Betrieben würden deutlich sinken mit der Folge, dass viele neue Arbeitsplätze geschaffen werden könnten. Der
in vielen Nationen seit drei Jahrzehnten bestehende Trend zur zunehmenden Unterbeschäftigung und Arbeitslosigkeit kann gebrochen werden.
- Die Gleichbehandlung von Mann und Frau wird verbessert. Frauen, die aus familiären Gründen nicht oder nur wenige Jahre berufstätig waren,
würden nicht mehr gegenüber den voll Berufstätigen benachteiligt sein.
- Der seit drei Jahrzehnten bestehende Trend zur zunehmenden Staatsverschuldung kann beendet werden. Der Staat könnte die Einsparungen nutzen,
um seinen Schuldenberg abzutragen. Mit dem neuen Handlungsspielraum könnte er die Reform des Gesundheitswesens, der Pflegeversicherung und
andere Reformen finanzieren
- Die Arbeitnehmer hätten mehr Netto vom Brutto, um z.B. eine private Zusatzrente oder die Gesundheitsvorsorge zu finanzieren.
- Der immer lauter werdende Vorwurf, die Älteren würden die Zukunft der Jüngeren belasten, wäre gegenstandslos. Der drohende Konflikt zwischen
den Jungen und den Alten könnte vermieden werden.
- Es würde die Freiheit fördern und den Spielraum für persönliche Entscheidungen erweitern. Viele Menschen machen heute mit Rücksicht auf
ihre Rentenansprüche belastende Kompromisse, die durch die Rentensicherheit wegfallen könnten.
- Viele Regierungen sind chronisch überlastet. Die Delegation der Rentenfrage an die Notenbank würde sie entlasten und ihnen erlauben, sich
auf die genuinen staatlichen Aufgaben zu konzentrieren.
- Wenn die Grundrente stufenweise so bemessen wird, dass die Rentner einen höheren Anteil an ihren Krankheits- und Pflegekosten übernehmen
können, dann würde das eine weitere Entlastung der bisherigen Beitragszahlern mit sich bringen sowie die Finanzierung des medizinischen Fortschritts
erleichtern.
- In den armen Ländern ist die Geburtenrate hoch, weil viele Menschen im Alter auf ihre Kinder angewiesen sind. Eine Grundrente würde diese
Abhängigkeit verringern.
Weiter Vorteile bei Nefiodow 2006.
Erste Überlegungen zur Realisierung
Die Realisierung dieses Modell darf man sich nicht so vorstellen, dass die Notenbank die Grundrente für alle mit einem Schlag einführt und den
Arbeitgebern und Arbeitnehmern die frei werdenden Rentenbeiträge zur freien Verfügung überlässt. Das würde eine Hyperinflation auslösen.
Die Realisierung des Modells ist ein Prozess der Geldmengen- und Zinssteuerung, und dieses Geschäft beherrscht die Notenbank wie keine andere
Institution. Neu ist, dass sie die Arbeitgeber und Arbeitnehmer im Hinblick auf ihre Rentenzahlungen für eine Übergangszeit ähnlich wie
Kreditinstitute behandelt: Sie führt Geld zu und zieht Geld ab.
Zu Beginn wird dem Rentenmarkt ein bestimmter Betrag zugeführt. Um Gefahren für die Geldwertstabilität zu vermeiden, muss die Notenbank einen
Teil des frei gewordenen Geldes bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern abschöpfen. Die Rückgabe an die Eigentümer erfolgt später in Abhängigkeit
von der konjunkturellen Lage (z.B. in Rezessionszeiten). Dadurch hätte man den zusätzlich positiven Effekt, dass Investitionen und Konsum in
einer Phase gestärkt werden, in der keine Inflationsgefahr besteht und in der sie dringend benötigt werden.
Die Abschöpfung wird über die Jahre/Jahrzehnte stufenweise reduziert und zeitlich so gesteckt, dass alle Betroffenen Zeit zur Anpassung haben.
Der Einwand, mit dem Notenbank-Modell würde eine völlig neue und schwer kontrollierbare Quelle zur Geldschöpfung geöffnet, greift nicht. Die Quelle
ist nicht neu. Das Geld, das die meisten Rentner nach dem bisherigen Verfahren erhalten, kommt letztlich auch von der No-tenbank, nur dass es
hierbei den langen Umweg über Kreditinstitute, Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Bundesregierung nehmen muss. Der neue, direkt Weg ist einfacher zu
übersehen, einfacher zu steuern, er würde den Umweg überflüssig machen und damit viel Bürokratie, Unsicherheit und Kosten sparen. Und hinsichtlich
der Geldwertstabilität ergibt sich sogar ein Vorteil: Wenn die Notenbank nicht nur die Geldflüsse zu den Kreditinstituten kontrollieren kann,
sondern auch die Mittel, die zu den Rentnern fließen, dann kann sie ihre eigentliche Aufgabe noch besser wahrnehmen.
Das Notenbank-Modell wäre ein wichtiger Schritt, um soziale, ethische und freiheitliche As-pekte stärker in die Marktwirtschaft zu integrieren
Die Entwicklung in den Sozialsystemen macht es unumgänglich, auf langfristig sichere Geldquellen umzusteigen.
Quelle: Nefiodow. A. Leo: Der sechste Kondratieff. Wege zur Produktivität und Vollbeschäftigung im Zeitalter der Information. Sankt Augustin, 2006
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