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Der sechste Kondratieff

Die nächste lange Welle der Konjunktur

 

Der sechste Kondratieff

 

 

Der sechste Kondratieff –

die neue lange Welle der Konjunktur


© Leo A. Nefiodow
 


Die Marktwirtschaft kennt keinen gleichförmigen Verlauf, vielmehr wechseln Aufschwung und Abschwung, Konjunktur und Rezession einander regelmäßig ab. Kurze und mittlere Wirtschaftschwankungen mit einer Dauer von 3-11 Jahren sind aus der Erfahrung allgemein bekannt. In der Marktwirtschaft treten aber auch lange Schwankungen mit einer Periode von 40-60 Jahren auf. Sie werden Kondratieffzyklen genannt. Auslöser dieser Wellen sind bahnbrechende Erfindungen, die Basisinnovationen genannt werden (siehe Abbildung).
 

 

 


Quelle: Leo A. Nefiodow: Der sechste Kondratieff. Wege zur Produktivität und Vollbeschäftigung im Zeitalter der Information. Sankt Augustin, 2006

Die bisherigen Kondratieffzyklen

Seit dem späten 18. Jahrhundert haben fünf Kondratieffzyklen stattgefunden. Der erste Langzyklus wurde durch die Einführung der Basisinnovation Dampfmaschine und deren Anwendung insbesondere in der Textilindustrie ausgelöst. Der zweite Kondratieffzyklus war die große Zeit des Stahls. Der dritte Kondratieff kam durch die elektrotechnische und chemische Industrie zustande. Es war der erste Langzyklus, der von der praktischen Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse profitierte. Die Basisinnovationen des vierten Kondratieffs waren Petrochemie und Automobil. Sie brachten den Massenverkehr auf der Straße und in der Luft und markierten zugleich den Höhepunkt der Industriegesellschaft. Seit den frühen 1950er Jahren befindet sich die Weltwirtschaft im fünften Kondratieffzyklus, der seine Antriebsenergie aus der Entwicklung und Verwertung der Informationstechnik bezog.

Nachdem der größte Teil des Nutzungspotentials des fünften Kondratieffzyklus zur Jahrhundertwende erschlossen ist, nähert sich dieser Langzyklus rapide seinem Ende. Parallel zum Auslauf des fünften hat der sechste Kondratieff begonnen. Eine empirische Analyse zeigt, dass der Gesundheitssektor der Träger des neuen Langzyklus sein wird. Wichtigste Motoren werden der Bedarf nach psychosozialer Gesund­heit und die moderne Biotechnologie sein. Während die Biotechnologie schwerpunktmäßig den Umgang mit körperlicher Gesund­heit revolutionieren wird, werden durch psychosoziale und psychotherapeutische Kompetenz die bisher wenig erforschten inneren Informationsprozesse im Menschen, das weite Feld der seelischen, sozialen und spirituellen Poten­tiale besser verstanden und erschlossen werden. Neben diesen beiden Hauptsäulen werden auch andere Bereiche des Gesundheitssektors wie Medizintechnik, Pharmaindustrie, Naturheilkunde, alternative und komplementäre Medizin, Ernährungsindustrie und Teile des Umweltschutzes unverzichtbare Beiträge leisten.

Produktivitätsreserve Gesundheitskompetenz

Kann der ganzheitliche Gesundheitssektor in Zukunft die Rolle einer Lokomotive für Wachstum und Beschäftigung übernehmen? Krankheitskosten gelten betriebswirtschaftlich ja als etwas Negatives, als bloße Kostenfaktoren, die man möglichst niedrig halten möchte.

Auf den ersten Blick kann man durchaus bezweifeln, dass Gesundheit sich zu einem bedeutenden Wachstumsmotor entwickeln wird, denn lange Phasen der Prosperität wurden bisher von “harten” Technologien wie Dampfmaschine, Eisenbahn, Automobil, Informationstechnik getragen (siehe Abbildung). Wie kann ein “weicher,” ein psychischer und sozialer Faktor Träger eines neuen Wachstumszyklus werden?

Hier muss an die Ergebnisse der modernen Wachstumstheorie erinnert werden. Die wichtigsten Quellen für Wirtschaftswachstum sind nicht Maschinen, Waren, Technologien, Dienstleistungen, nicht Arbeitsplätze und auch nicht Kapital. Der wichtigste Faktor sind Produktivitätsfortschritte. Dieser dritte Faktor wird durch eine neue oder verbesserte Kompetenz bestimmt. In der Industriegesellschaft wie auch noch zu Beginn des fünften Kondratieffs spielte kognitive Kompetenz (logisch-systematisches Denken und eine gute Fachausbildung) eine zentrale Rolle.

Mit dem nächsten, dem sechsten Kondratieff wird es zu einer grundlegenden Erweiterung bei den produktivitätsbestimmenden Kompetenzen kommen. Was den wirtschaftlichen Erfolg der Regionen, Bundesländer und Volkswirtschaften in Zukunft primär bestimmen wird, ist die Kompetenz ihres Gesundheitswesens.



Ganzheitliche Gesundheit – die Wachstumslokomotive des 21. Jahrhunderts

Das derzeitige Gesundheitswesen kann in seiner heutigen Ausrichtung aber noch kein Träger des sechsten Kondratieffs sein. Es ist mit zu vielen internen Problemen und Einschränkungen belastet: starke Partikularinteressen, unzureichendes Gesundheitswissen, zu viel Bürokratie, zu niedrige Produktivität, zu wenig Aufklärung und Prävention. Das derzeitige Gesundheitswesen ist in Wirklichkeit ein Krankheitswesen, da ca. 98 Prozent der Finanzmittel dafür verwendet werden, Krankheiten zu erforschen, zu diagnostizieren, zu behandeln und zu verwalten. Behandelt werden vor allem Krankheitssymptome, weniger die Krankheitsursachen.

Krankheiten wird es wohl immer geben, ein leistungsfähiges Krankheitswesen ist und bleibt auch in Zukunft unverzichtbar. Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist die einseitige Ausrichtung auf Krankheiten für die Gesellschaft teuer, schädlich und nicht mehr zeitgemäß. In Zukunft kommt es darauf an, die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass nicht mehr die Krankheit, sondern die Gesundheit im Vordergrund steht.

Denn die Zahl der Erkrankungen nimmt seit Jahrzehnten ständig zu und wird bei der derzeitigen Ausrichtung des Gesundheitswesens in Zukunft weiter anwachsen. Jeder vierte Jugendliche in Europa leidet unter Allergien, in zehn Jahren soll es jeder zweite sein. Alle sieben Jahre verdoppelt sich in Deutschland die Zahl der Erkrankungen an hellem Hautkrebs, auch die Zahl der Diabetiker soll sich in den nächsten zehn Jahren verdoppeln. Jeder dritte Deutsche über 40 leidet an verstopften Blutgefäßen, jeder zehnte Deutsche fühlt sich ausgebrannt. Die Zahl der Krebsneuerkrankungen nimmt in Deutschland seit vielen Jahren stetig zu und soll bis zum Jahr 2020 um weitere 20 Prozent ansteigen.

Den drohenden neuen Kosten im Gesundheitswesen kann nicht mit einem Ausbau des kurativen Therapieangebotes wirksam begegnet werden. Krankheit und Gesundheit sind Systemeigenschaften, die vom ganzen Menschen und seiner natürlichen und sozialen Umgebung abhängig sind. Auf diese ganzheitliche Sicht – körperlich, seelisch, geistig, sozial, ökologisch und spirituell – kommt es in Zukunft an. Denn die entwickelten Gesellschaften sind in eine Phase eingetreten, in der mehr und mehr Menschen bereit und finanziell auch in der Lage sind, für ganzheitliche Gesundheit zu zahlen.

In der Fortentwicklung des Gesundheitswesens schlummern die größten Produktivitäts- und Wachstumsreserven. Um diese Transformation zu verwirklichen werden aber nicht nur neue Konzepte, Strategien, Institutionen und Angebote benötigt, die den ganzen Menschen und seine Potentiale ernst nehmen. Die Transformation kann nur sozialverträglich gelingen, wenn die bisherigen Leistungserbringer des Gesundheitswesens den sechsten Kondratieff nicht als Bedrohung, sondern als Chance begreifen und eine führenden Rolle bei seiner Gestaltung übernehmen.

Der sechste Kondratieff hat schon begonnen. Aber die Haupt- und Nebenrollen sind noch nicht vergeben. Die Unternehmen, Regionen, Bundesländer und Volkswirtschaften, die sich am besten auf den neuen Langzyklus ausrichten, werden im 21. Jahrhundert zu den Gewinnern gehören.



Quelle: Leo A. Nefiodow. Der sechste Kondratieff. Wege zur Produktivität und Vollbeschäftigen im Zeitalter der Information. Rhein-Sieg Verlag, Sankt Augustin

ISBN 3-9805144-5-5. Sechste Auflage 2006. Preis: 24 €

 

 

Stand: November 2009

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