Über die langen Wellen in Wirtschaft und Gesellschaft

Zur Theorie der langen Wellen


© Leo A. Nefiodow
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Der russische Wissenschaftler Nikolai Kondratieff (1892-1938) gilt als der Begründer der Theorie der langen Wellen. Bei seinen Konjunkturforschungen zwischen 1919 und 1921 fand er heraus, dass es in den kapitalistischen Ländern außer kurzen und mittleren Zyklen auch lange Konjunkturwellen mit einer Dauer von 45-60 Jahren gibt. 1926 veröffentlichte er – zu dieser Zeit war er Direktor des Moskauer Instituts für Konjunkturforschung – seine Erkenntnisse im "Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik".

Kondratieff war Nationalökonom. Die langen Wellen, die er gefunden hat, hat er ausschließlich auf der volkswirtschaftlichen Ebene gesucht und gefunden, z.B. bei den Warenpreisen in England und USA, im Kurs der festverzinslichen Wertpapiere in Frankreich, beim Arbeitslohn in England. Kondratieff fand aber keine Erklärung für die Entstehung der langen Wellen. Die Behauptung, er hätte Innovationen als ihre Auslöser angesehen, ist nicht richtig. Kondratieff interessierte sich überhaupt nicht für Innovationen, die bedeutendsten Innovationen seiner Zeit, Dampfmaschine, Eisenbahn oder Elektrizität, erwähnte er mit keinem Wort. Er lehnte es sogar ab, „technische Veränderungen“ als Auslöser der langen Wellen anzusehen. Die zentrale Bedeutung von Innovationen als Auslöser der langen Wellen hat Joseph Schumpeter erkannt. Er hat die Kondratieffschen Erkenntnisse aufgegriffen und in seinem richtungweisenden Buch "Konjunkturzyklen" weiter geführt. Von ihm stammt auch die Bezeichnung "Kondratieffzyklus". Die älteren Beiträge zur Theorie der langen Wellen basieren hauptsächlich auf makroökonomischen Zeitreihen. Mit Hilfe statistischer und anderer Verfahren wurde versucht, den Langzyklus aus den Zeitreihen heraus zurechnen. In den 1970er und 1980er Jahren wurden an der Science Policy Research Unit (SPRU) der Universität Sussex unter Christopher Freeman und Carlota Perez und durch Cesare Marchetti am Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg, Österreich, die Methoden zum Nachweis des Kondratieffzyklus erweitert und verbessert. Die neuen Verfahren berücksichtigen nicht nur makroökonomische Zeitreihen, sondern stützen sich zusätzlich auf technologische, soziale und institutionelle Daten und Trends. Durch diese Erweiterungen wurde der Nachweis eines Kondratieffzyklus auf eine breitere wissenschaftliche Grundlage gestellt.

Im Umgang mit der Theorie der langen Wellen bestehen dennoch immer noch Missverständnisse und Vorurteile. Dazu trägt bei, dass von den Kritikern nicht klar genug unterschieden wird zwischen den langen Wellen auf der makroökonomischen Ebene, die aus historischen Zeitreihen berechnet werden, den Makro-Kondratieffs, und den langen Wellen auf der Ebene von Innovationen, den Innovations-Kondratieffs. Beide Typen unterscheiden sich grundlegend, sie bringen unterschiedliche dynamische Prozesse zum Ausdruck, stellen unterschiedliche Betrachtungsebenen dar und besitzen unterschiedliche Realitätsnähe (Nefiodow 2006).

Die Makro-Kondratieffs (M-Kondratieffs) gelten in der Wissenschaft als umstritten. Die Existenz von Innovations-Kondratieffs ist unstrittig. Wer sich vergewissern möchte, dass die Dampfmaschine einen Konjunkturzyklus von ca. 60 Jahren, den ersten Kondratieff, ausgelöst hat, sollte sich die technische und wirtschaftliche Entwicklung des 18. und 19. Jahrhunderts und ihre Wechselwirkungen mit dem sozialen, institutionellen und geistigen Wandel genauer ansehen. Dabei darf er nicht primär auf die makroökonomische Ebene schauen. Die volkswirtschaftliche Ebene ist wichtig, aber für die Identifizierung der Kondratieffzyklen von sekundärer Bedeutung. Der Volkswirt kann das analytische und prognostische Potenzial der Theorie der langen Wellen nur erschließen, wenn er über die Grenzen seines Faches hinausgeht.

M-Kondratieffs finden auf der volkswirtschaftlichen Ebene statt, sie sind das Ergebnis der Überlagerung aller Wirtschaftsschwankungen, den stärksten Einfluss übt dabei der I-Kondratieff aus. Beide Langzyklen finden nicht parallel zueinander statt, aber doch mit einer gewissen zeitlichen Überlappung. M-Kondratieffs können durchgehend über nur einen Indikator aufgezeigt werden, sie folgen unmittelbar aufeinander und überlappen sich nicht. I-Kondratieffs werden durch zyklenspezifische Basisinnovationen ausgelöst und identifiziert, jeder Zyklus stellt ein einmaliges Muster dar, hat einen eigenen Träger. I-Kondratieffs lassen sich über Primärdaten (z.B. Mengenangaben) gut erkennen und sie überlappen sich. Der vierte und fünfte I-Kondratieff überlappte sich z.B. in Italien um mehr als 20 Jahre. Und weil sie sich überlappen, haben sie auf der Zeitachse andere Datierungen als die M-Kondratieffs.

Makro-Langwellen sind das Ergebnis der akkumulierten Innovationswellen und haben eher theoretische Bedeutung. Das bedeutet, sie haben keine Eigenständigkeit. Die realen Abläufe der Wirtschaft, wo es um Produkte, Technologien, Dienstleistungen, Innovationen, Märkte und Arbeitsplätze geht, werden von den Innovationswellen direkt abgebildet, von den M-Kondratieffs nur ungenau und indirekt. Den I-Kondratieffs kommt deshalb die größere Realitätsnähe und Bedeutung zu.

Um die realen Prozesse in der Wirtschaft beurteilen und voraussagen zu können, sollte in erster Linie auf die Innovationsebene geschaut werden. Ohne die Berücksichtigung z.B. der technologischen Entwicklung und der Lebenszyklen von Innovationen kann man das Auftreten von Konjunkturen und Wirtschaftszyklen nur unzureichend verstehen.

Die Theorie der langen Wellen schließt die Lücke zwischen Makro- und Mikroökonomie. Sie erlaubt die Zusammenführung aller am Wirtschaftsgeschehen maßgeblich beteiligten Disziplinen. In einer Zeit, in der in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft dringend nach Überwindung der Nachteile einer überbetonten Spezialisierung und nach einer stärkeren Berücksichtigung gesamtgesellschaftlicher Fragen gesucht wird, kommt die Theorie der langen Wellen diesem Anliegen direkt entgegen.



Quelle: Nefiodow. A. Leo: Der sechste Kondratieff. Wege zur Produktivität und Vollbeschäftigung im Zeitalter der Information. Sankt Augustin, 2006